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Kann Cannabis bei Angststörungen und Panikattacken helfen?

Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Angststörungen zeigen ein wachsendes Interesse an alternativen Behandlungsmethoden wie der Einnahme von medizinischem Cannabis auf Basis der Cannabinoide THC und CBD. Seit 2017 darf medizinisches Cannabis von allen Ärzten (außer Zahn- und Tierärzten) verschrieben werden, sofern bestimmte Voraussetzungen hierfür erfüllt sind. Jedoch bleibt Cannabis aufgrund des auf der Betäubungsmittel-Liste enthaltenen Cannabinoids Delta-9-THC weiterhin über ein BtM-Rezept verschreibungspflichtig.

So darf eine Verordnung laut dem Gesetz für medizinisches Cannabis, auch bei der Behandlung von Angststörungen und allen anderen Krankheiten, nur dann erfolgen,

  1. wenn eine schwere Erkrankung vorliegt, für die entweder keine anerkannte medizinische Behandlung verfügbar ist
  2. oder diese nach ärztlicher Einschätzung (zum Beispiel wegen massiver Nebenwirkungen) nicht zumutbar ist
  3. oder wenn etablierte (medikamentös unterstützte) Behandlungsmethoden keinen (langanhaltenden) Therapieerfolg erbracht haben.


Darüber hinaus muss es eine gewisse Aussicht auf eine Besserung der Symptome durch Cannabis geben, die entweder die Symptomatik oder den Krankheitsverlauf betrifft. Ob diese Voraussetzungen im Einzelfall erfüllt sind, liegt im Ermessen des Arztes / der Ärztin. Der Gesetzgeber nennt keine konkreten Krankheitsbilder, aber typische Anwendungsbereiche sind unter anderem chronische Schmerzen, Muskelkrämpfe oder Lähmungen der Beine bei Multiple Sklerose, Übelkeit und Erbrechen infolge einer Chemotherapie. Die oben genannten Kriterien können aber theoretisch auch auf andere Patientengruppen wie zum Beispiel Patienten mit Angststörung zutreffen.

Medizinisches Cannabis gegen Angst bzw. Angststörungen

In den letzten Jahren hat das Interesse an alternativen Behandlungsmethoden bei psychischen Erkrankungen wie Angststörungen stark zugenommen. Vor allem Cannabis geriet dabei in den Fokus der medialen Aufmerksamkeit [1]; das zunehmende Interesse an einer Therapie mit medizinischem Cannabis, insbesondere auch Therapien auf Basis von Cannabidiol (CBD), könnten ein Zeichen für die Bereitschaft von Patienten sein, ihre Leiden wie Angststörungen mit medizinischem Cannabis zu behandeln. Dies ließe sich auch damit begründen, dass einige Patienten medizinisches Cannabis als pflanzliche Alternative den herkömmlichen Medikamenten vorziehen und vor allem pharmazeutische Opioide, Benzodiazepine und Antidepressiva, aber auch Alkohol, Zigaretten und illegale Drogen durch Cannabis ersetzen [2], sodass sich Wechsel- oder Nebenwirkungen mit einer Cannabis-Therapie, bspw. bei Angststörungen, möglicherweise reduzieren lassen.

In einschlägigen Online-Foren finden sich zahlreiche Beiträge von Personen, die ihre verschiedenen Erkrankungen, Symptome oder gesundheitlichen Beschwerden erklären, und dann über ihre Erfahrungen mit Cannabis zur Linderung bestimmter Symptome berichten, so auch zu Cannabis bei Angststörungen. Viele dieser Berichte sind außerordentlich positiv, stellen aber dennoch subjektive Erfahrungen dar, die auf vielfältige Weise durch äußere Faktoren beeinflusst sein können.

Wissenschaftliche Studien zum Einsatz von Cannabis bei Angststörungen

Die wissenschaftliche Basis für eine positive Wirkung von Cannabis auf Angststörungen ist nicht ganz so eindeutig. Eine 2019 veröffentlichte Übersichtsarbeit fand 31 Studien zu Cannabis und Angstzuständen, von denen nur 17 die wissenschaftlichen Mindestkriterien erfüllten [3]. Die Auswertung dieser Studien ergab jedoch, dass medizinisches Cannabis beziehungsweise Cannabinoide (in erster Linie THC mit oder ohne CBD) die Angstsymptome bei Personen verbesserte, die zu dem untersuchten Zeitpunkt unter anderen Erkrankungen wie chronische Schmerzen oder Multiple Sklerose leiden. Der therapeutische Einsatz von Cannabis könnte hier also bei der Behandlung gleichzeitiger Angstsymptomatiken helfen.

Vor allem in Tiermodellen konnte gezeigt werden, dass CBD sowohl Verhaltensparameter als auch physiologische Marker von Stress und Angst reduzieren kann [4]. Aber auch in Humanstudien wurde die Wirksamkeit von CBD untersucht. Brasilianische Forscher führten beispielsweise eine Studie mit Personen, die an einer generalisierten sozialen Angststörung litten, unter Cannabis-Anwendung (Cannabidiol) und mit gesunden Kontrollpersonen durch. Sie brachten sie in eine Situation, die bei den meisten Menschen Angst, Stress und Unbehagen auslöst: Die Probanden sollten spontan eine Rede halten, die auf Video aufgenommen und später von einem Experten analysiert werden sollte. Ein Teil der Probanden mit Angststörung erhielt vorher CBD, ein anderer Teil Placebo. Es zeigte sich, dass die Einnahme von CBD die Angst vor der Rede signifikant reduzierte und mit weniger kognitiven Beeinträchtigungen und einem weniger starken Unbehagen einherging als die Einnahme von Placebo. Diese Effekte waren sowohl bei den gesunden Kontrollpersonen als auch in der Patientengruppe zu beobachten [5], allerdings scheint hierbei auch die Dosierung von CBD für die Wirkung von Cannabidiol eine große Rolle zu spielen. In einer anderen Studie zeigte sich die angstmindernde Wirkung von CBD nämlich nur bei mittleren Dosen (300 mg) und nicht bei niedrigen Dosen (150 mg) oder hohen Dosen (600 mg) [6].

Weitere Studien deuten darauf hin, dass diese positive Wirkung von CBD auch bei anderen Formen der Angst wie der sozialen Angst oder der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) und auch angstinduzierter Schlaflosigkeit helfen kann. In einer 2011 veröffentlichten Studie erlebten die Patienten mit sozialer Angststörung nach der Einnahme von CBD weniger Angstzustände als die Patienten, die stattdessen Placebo einnahmen, was mit den Auswirkungen von CBD auf die Aktivität in bestimmten Hirnbereichen zu tun haben könnte [7].

Tierversuche haben gezeigt, dass CBD das Auslöschen negativer Erinnerungen erleichtern und zugleich ihre erneute Konsolidierung im Gedächtnis blockieren kann [8]. Ähnliche Effekte wurden in neueren Studien zur Wirkung von Cannabinoiden auch bei Menschen gefunden, was für die Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung von großem Interesse sein kann. Somit wäre eine Therapie mit Cannabis neben Angststörungen auch für andere psychische Erkrankungen interessant. Tatsächlich wird medizinisches Cannabis, aber auch Cannabidiol bei der Behandlung von Schlafstörungen, Depressionen und ADHS eingesetzt, um ein paar Beispiele für den Einsatz von Cannabis für die Psyche zu nennen.

Zusammenhang zwischen CBD und Angst

Warum Cannabis oder speziell Cannabidiol (CBD) gegen Angst wirken kann, ist noch unklar. Eine mögliche Erklärung hat mit dem Neurotransmitter Serotonin zu tun: CBD interagiert mit den CB1- und CB2-Rezeptoren des Endocannabinoid-Systems im Gehirn. Dieses System ist unter anderem an der Ausschüttung von Serotonin beteiligt. CBD kann aber auch direkt an Serotonin-Rezeptoren andocken und so unmittelbar mit ihnen interagieren. Mit der Ausschüttung oder Hemmung von Serotonin regulieren sie unter anderem die Stimmung (weshalb Serotonin auch als „Glückshormon“ bezeichnet wird), aber auch den Appetit, Schlaf und Schmerz.

Serotonin ist ein Botenstoff, der eine wichtige Rolle für die psychische Gesundheit spielt. So weisen beispielsweise viele Menschen mit Depressionen einen niedrigen Serotoninspiegel auf. Darüber hinaus wird ein Serotoninmangel häufig auch mit Angstzuständen assoziiert. Die gängige medikamentöse Behandlung von Depressionen und Angstzuständen ist die Einnahme von sogenannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI). Sie erhöhen den Serotonin-Spiegel im Gehirn, wodurch die Angst gedämpft und die Stimmung angehoben wird.

Solange die Wirkmechanismen von CBD auf Angstzustände und Panikattacken jedoch noch nicht vollständig geklärt sind, ist bei der Anwendung Vorsicht angebracht und von einer Selbstmedikation abzuraten. Nehme CBD nur nach Rücksprache mit deinem / einem Arzt ein, insbesondere wenn du bereits Arzneimittel gegen deine Angststörung einnimmst. Ein auf Cannabis spezialisierter Arzt könnte dich präzise über mögliche Wechselwirkungen informieren und die geeignete Dosierung ermitteln.

Quellenangaben

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