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3 Fragen an Dr. med. Julian Wichmann: Fünf Jahre Cannabis als Medizin in Deutschland

Fragen Beitrag - Algea Care

|Im Interview|

Herausforderungen, Erkenntnisse, Perspektiven

Seit März 2017 ist Cannabis als Medizin in Deutschland zugelassen. Zur symptomatischen Behandlung von chronischen Beschwerden und Erkrankungen wie Schmerzen, Depressionen, ADHS und vielen weiteren Indikationen kann es seitdem bei volljährigen Patient:innen verordnet werden. Was sich seit der Zulassung getan hat und welche weiteren Entwicklungen für eine flächendeckende Patientenversorgung notwendig sind, beleuchtet Dr. med. Julian Wichmann, Gründer und Geschäftsführer der auf Medizinalcannabis spezialisierten Telemedizinplattform Algea Care im Interview.

In diesem Jahr jährte sich das Inkrafttreten des Cannabis als Medizin Gesetzes in Deutschland zum fünften Mal. Wie empfinden Sie die Entwicklung des medizinischen Umgangs mit Cannabis in Deutschland bis heute?

Dr. Julian Wichmann: Mit der Zulassung von Cannabis als Medizin hat Deutschland 2017 eine Vorreiterstellung in Europa eingenommen. Heute, mehr als fünf Jahre später, mit über 100.000 behandelten Patienten zeichnet sich diese Entscheidung immer deutlicher als Erfolgsgeschichte ab. Cannabis gehört als Medikament in die Mitte unserer Gesellschaft. Unserer Erfahrung nach kann es bei einer Vielzahl unterschiedlicher Indikationen und Erkrankungen erfolgreich eingesetzt werden, Linderung verschaffen und die Lebensqualität von Patienten verbessern. Jedes Jahr begegnen Ärzte und Patienten der Thematik mit mehr Offenheit und Interesse gegenüber den Möglichkeiten einer cannabinoidbasierten Therapie; aber auch mit offenen Fragen und Unsicherheiten, allein in Bezug auf die ungewohnte, unkonventionelle Einnahmeoption mithilfe eines medizinischen Verdampfers oder dem bislang ausschließlich möglichen Off-Label Gebrauch der Präparate. Es bleibt festzuhalten: Medizinisches Cannabis ist weiterhin stigmatisiert und kommt zu selten bei der ärztlichen Behandlung zur Anwendung.

Zeitgleich mit der Zulassung von Cannabis als Medizin startete eine groß angelegte Begleiterhebung. Fünf Jahre lang sollten Ärzte bei jeder genehmigten Cannabis Behandlung Daten zum Therapieverlauf an das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) übermitteln. Nach Veröffentlichung der Ergebnisse wurde diese wiederholt kritisiert. Wie schätzen Sie die Ergebnisse der Begleiterhebung ein – bilden sie die aktuelle Versorgungsrealität ab?

Dr. Wichmann: Das Nadelöhr bleibt der Zugang zu spezialisierter medizinischer Expertise in diesem vergleichsweisen noch relativ jungen Feld. Nach Expertenschätzungen verordnen nach wie vor weniger als 2 Prozent der deutschen Ärzte medizinisches Cannabis. Zudem berichten Patienten nach wie vor von immensen Schwierigkeiten, einen Arzt oder eine Ärztin zu finden, die über Erfahrung mit einer Therapie mit Medizinalcannabis verfügt. Gründe hierfür sind weiterhin bestehende Unsicherheiten von niedergelassenen Ärzten in der Verschreibung. Dazu kommt, dass nur wenige Apotheken Erfahrungen mit Cannabis-Verschreibungen haben, noch weniger liefern bundesweit. Durch bürokratische Hürden wie die Verschreibung als Betäubungsmittel ist eine flächendeckende Versorgung von Patienten daher zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht gegeben.

Insbesondere für gesetzlich Versicherte existieren bei der Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenkasse enorme Hürden, die vor allem mit einem hohen bürokratischen Aufwand verbunden sind. Die gesetzlichen Krankenkassen berichten durchschnittlich von einer Ablehnungsquote von rund 40 Prozent, die Anzahl der Anträge ist seit 2019 rückläufig. Dieser Umstand stellte beispielsweise einen verzerrenden Faktor bei der Erhebung der Begleitstudie des BfArM dar: Es fanden lediglich Daten von Patienten Berücksichtigung, deren Kostenübernahmeantrag von der Krankenkasse genehmigt wurde. Patientenfälle, die eine Ablehnung erhalten hatten, wurden in der Erhebung ebenso wenig berücksichtigt wie Selbstzahler oder Privatpatienten. Das führt auch zu einer Verzerrung der eingeschlossenen Erkrankungen: Ins Krankenhaus eingewiesene Patienten sind überdurchschnittlich häufig vertreten, in 20 Prozent der Fälle war Versterben der Grund für den Therapieabbruch. Gerade bei Patienten mit ambulant behandelbaren Erkrankungen sehen wir sehr häufig schnelle Therapiedurchbrüche. Insofern decken sich die Ergebnisse der Begleiterhebung leider nicht mit dem ärztlichen Alltag mit Cannabis als Medikament.

Allerdings hat sich die Einnahme von Medizinalcannabis, laut der ausgewerteten Daten, in fast 70 Prozent der Fälle positiv auf die Lebensqualität der Patienten ausgewirkt. Ein Ergebnis, das sich mit den Erfahrungen aus dem Behandlungsalltag deckt, wie auch die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin kürzlich bestätigte. Vergleichsweise geringe beobachtete Nebenwirkungen sprechen für das sehr positive Nutzen-Risiko-Profil von Cannabis als Medizin.

Welche Erwartungen haben Sie an die Zukunft von Cannabis als Medizin – was braucht es Ihrer Meinung nach?
Was wären sinnvolle weitere Schritte, um eine flächendeckende Versorgung zu ermöglichen?

Dr. Wichmann: Wir müssen in erster Linie weiterhin Vorurteile und Missverständnisse abbauen. Cannabis ist meiner Ansicht nach ein hocheffizientes Medikament, das in die Mitte der Gesellschaft gehört und als Therapieform fester Bestandteil der Medizin werden muss. Forschung und Aufklärung sind hier die Mittel der Wahl. Die Begleitstudie hat uns gezeigt, wo die Datenlage fehlt, diese gilt es nun zu vervollständigen. Eine Möglichkeit, die erhobenen Daten weiter zu komplementieren, ist die Einbindung bereits vorhandener Datensätze – spezifisch aus der Praxiserfahrung privatärztlicher Behandlungen.

Gemeinsame Bemühungen um den Ausbau der wissenschaftlichen Evidenz, Fokus auf die ambulante Cannabistherapie sowie ein erweiterter Blick auf therapierbare Symptome, beispielsweise im Rahmen von Indikationen wie Depressionen, Angst- oder Schlafstörungen oder ADHS müssen nun in Angriff genommen werden, um die erhobenen Daten zu ergänzen – und eine stabile Grundlage für zukünftige gesundheitspolitische Entscheidungen zu bilden.

Ganzheitlich betrachtet ist in fünf Jahren schon einiges erreicht worden. Ein kluger nächster Schritt könnte die Herabsetzung bestimmter Präparatsklassen auf normale statt sogenannte Betäubungsmittelrezepte sein, beispielsweise bei Sorten ohne oder mit nur geringfügigem THC-Anteil. Dies würde Hausärzten und Patienten eine Hürde im Verschreibungsprozess nehmen – und dann wären auch sofort e-Rezepte möglich, um den Zugang zu moderner Gesundheitsversorgung weiter zu vereinfachen.

Über den Experten

Dr. med. Julian Wichmann

Dr. med. Julian Wichmann

Facharzt für Radiologie sowie Gründer und Geschäftsführer der Telemedizinplattform Algea Care, war unter anderem als behandelnder Bereitschaftsarzt der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen im Rhein-Main-Gebiet regelmäßig unter anderem mit den Versorgungsdefiziten in der Behandlung chronischer (Schmerz-)Patient:innen ganz unmittelbar konfrontiert. Auch daraufhin gründete der 36-jährige Mediziner als Befürworter innovativer und moderner Therapieformen zur Behandlung chronischer Erkrankungen mittels medizinischem Cannabis sein eigenes Unternehmen, um die bestehenden Versorgungsdefizite in diesem Bereich durch eigene Lösungen gezielt zu adressieren.

Über Algea Care
Algea Care ist die bundesweit erste und führende Plattform für die telemedizinisch unterstützte und evidenz-basierte, ärztliche Behandlung mit medizinischem Cannabis. In Folge der in 2017 zugelassenen medizinischen Nutzung von Cannabis hat sich das 2020 in Frankfurt gegründete Unternehmen auch als wegweisender Pionier in der ärztlichen Behandlung mit spezifisch geeigneten Bestandteilen der Hanfpflanze wie zum Beispiel Cannabidiol (CBD) entwickelt. Das Angebot von Algea Care richtet sich an Patient:innen, deren herkömmliche Therapien bisher nicht erfolgreich waren und die zur Behandlung ihrer chronischen Erkrankungen und Beschwerden (z. B. chronische Schmerzen, Multiple Sklerose, Epilepsie, Morbus Crohn, Depressionen, ADHS, Schlafstörungen) nun auch auf natürliche Arzneimittel wie Cannabis setzen. Dabei stehen die Patient:innen und die nachhaltige Verbesserung ihrer Lebensqualität im Mittelpunkt des gesamten Angebots des über 240-köpfigen Algea Care Teams.

Über die Website www.algeacare.com können sich Patient:innen schnell und unkompliziert registrieren und – nach einer sorgfältigen medizinischen Prüfung der Patient:innenunterlagen – einen Arzttermin in einem der bundesweiten Therapiezentren in Deutschland anfragen. Dort beraten und behandeln speziell geschulte sowie auf Cannabis-Therapie und andere natürliche Arzneimittel spezialisierte Ärzte. Nach einem Ersttermin in einem der Therapiezentren können – sofern medizinisch vertretbar – Folgetermine bequem per Videosprechstunde erfolgen. Mittels modernster telemedizinischer Technologie ermöglicht Algea Care den Patient:innen einen umfangreichen Full-Service: Angefangen von der Terminbuchung über die ärztliche Anamnese und Therapiebegleitung bis hin zur Unterstützung bei Fragen der Medikation und sonstigen Begleitthemen stehen Expert:innen den Patient:innen umfassend zur Seite.
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