Saarbrücken: Erstes Therapiecenter für medizinisches Cannabis im Saarland

13.10.2021

Am 15. Oktober 2021 öffnet in Saarbrücken im Ärztehaus in der Bahnhofstraße Nummer 56 das erste ärztliche Therapiecenter mit Spezialisierung auf medizinisches Cannabis. Die Praxis ist keine gewöhnliche Arztpraxis: Die behandelnden Ärzt:innen sind auf die Therapie mit Cannabinoiden spezialisiert. Seit März 2017 („Cannabis-als-Medizin-Gesetz“) dürfen Ärzt:innen in Deutschland medizinisches Cannabis verschreiben.

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Am 15. Oktober 2021 wird in Saarbrücken das erste ärztliche Therapiecenter für medizinisches Cannabis im Saarland öffnen. Die Terminpraxis ist eine Anlaufstelle für Cannabis-Patient:innen aus der Region. Mögliche Indikationen für eine Cannabis-Therapie sind u.a. chronische Schmerzen, Schlaf- und Angststörungen sowie ADHS oder multiple Sklerose.

Stigmatisierung von Patient:innen und Legalisierungsdebatte

Derzeit wird öffentlich über die Legalisierung von Cannabis diskutiert und der Freizeitkonsum von im Handel erhältlichen Hanfprodukten boomt. So warnte jüngst Gesundheitsstaatssekretär und Landesdrogenbeauftragter Stephan Kolling vor irreführender Werbung für Hanfprodukte.

Der Facharzt für Allgemeinmedizin Dr. Julian Wichmann erklärt: „Der Konsum freiverkäuflicher Cannabis-Produkte mit zweifelhafter Wirkung für medizinische Zwecke ist kritisch zu sehen.“ Zugleich warnt der Arzt jedoch davor, das Potenzial von Cannabis in der Medizin zu ignorieren vor dem Hintergrund, dass zahlreiche Studien die medizinische Wirksamkeit von Cannabis belegen. Wichmann kritisiert, dass einerseits eine Legalisierungsdebatte geführt werde, während andererseits Cannabis in der Medizin zu Unrecht stigmatisiert werde. Patient:innen würden oft als ‚Kiffer‘ diffamiert und nur schwer Ärzt:innen für eine Cannabis-Therapie finden.

Dr. Wichmann hat sich mit seinem Unternehmen Algea Care auf Cannabis-Therapien spezialisiert und bereits 13 Cannabis-Therapiestellen in Deutschland eingerichtet. Er verfolgt das Ziel, die Versorgungslage für Patient:innen zu verbessern und medizinisches Cannabis in der Schulmedizin zu etablieren. Wichmann erklärt: „Schmerzpatient:innen bekommen auch heute noch oft Opioide verordnet, obwohl medizinisches Cannabis bei langwierigem Krankheitsverlauf meist die nebenwirkungsärmere Alternative ist. Das ist völlig paradox.“

Verordnung per Betäubungsmittelrezept

Einfach vorbeikommen und sich medizinisches Cannabis in Form von Blüten und Extrakten oder CBD-Arzneimittel verschreiben lassen, geht allerdings nicht. Patient:innen müssen zuvor über www.algeacare.com einen Termin buchen und ihren Krankheitsverlauf schildern. Kommen die Ärzt:innen zu dem Schluss, dass eine Cannabis-Therapie grundsätzlich Sinn machen könnte, wird ein Termin in der Praxis vereinbart. Dort nimmt der behandelnde Arzt bzw. die behandelnde Ärztin vor Ort eine ausführliche Anamnese vor. Bei Vorliegen der medizinischen Voraussetzungen, erfolgt die Verordnung per Betäubungsmittelrezept, welches in Apotheken eingelöst werden kann. Da die bürokratischen Hürden zur Kostenübernahme für die Behandlung durch die Krankenkassen hoch sind und Anträge meist abgelehnt werden, verordnen Algea Care Ärzt:innen derzeit ausschließlich per privatem Rezept, weshalb Patient:innen die Behandlungskosten häufig selbst tragen müssen.

Fakten zur Cannabis-Verordnung

Nur ca. zwei Prozent der Ärzt:innen in Deutschland verschreiben medizinisches Cannabis. Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) schätzt, dass circa 50 Prozent der Schmerzpatienten, bei denen eine Behandlung mit Cannabis sinnvoll wäre, diese nicht erhalten. In Erhebungen der gesetzlichen Krankenkassen wurden seit der Zulassung von Cannabinoiden zur Verschreibung bislang etwas über 880.000 Verordnungen erfasst. Zum Vergleich: Allein im Jahr 2018 gab es 16,5 Millionen Verordnungen von Opioiden. [1,2]

Quellen

[1]

GKV-Arzneimittel-Schnellinformation für Deutschland (GKV GAMSI): Verordnungen von Cannabinoidhaltigen Fertigarzneimitteln

[2]

Kassenärztliche Bundesvereinigung. Deutscher Bundestag Drucksache 19/15967 vom 13.12.2019

Quellen