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Das Endocannabinoide System

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Algea Care
08. April 2022 - aus der Kategorie News

In der Mitte der 1960er-Jahre gelang es den israelischen Forschern Raphael Mechoulam und Yehiel Gaoni, den wohl wichtigsten Wirkstoff von Cannabis zu identifizieren: Es handelte sich um Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC). Nach dieser bahnbrechenden Entdeckung sollte es jedoch noch weitere 20 Jahre dauern, bis Wissenschaftler herausgefunden haben, wie das THC im Körper seine Wirkung entfalten kann: Cannabinoide, zu denen auch THC gehört, binden sich an bestimmte Rezeptoren im Gehirn und lösen damit verschiedene Prozesse im Körper aus. Welche Prozesse dies sind, hängt in erster Linie davon ab, welche Rezeptoren angesprochen werden.

Tatsächlich ist das Endocannabinoid-System (auch "endogenes Cannabinoid-System" genannt) als Teil des menschlichen Nervensystems an vielen Funktionen im Körper beteiligt. Die wichtigsten Bestandteile des Systems sind zum einen die Cannabinoid-Rezeptoren und zum anderen die Cannabinoide / Endocannabinoide, also Stoffe, die an diesen Rezeptoren binden. Endogen heißt das System bzw. die Cannabinoide, weil sie dem Körper nicht von außen zugeführt werden, sondern im Körper selbst produziert werden.

Was sind Cannabinoide?

Cannabinoide sind bestimmte chemische Verbindungen, die in der Hanfpflanze enthalten sind und an bestimmten Rezeptoren im menschlichen Körper andocken können. Diese Verbindungen können sowohl in Pflanzen wie Cannabis ("Phytocannabinoide") als auch im Körper selbst vorkommen. Substanzen, die in ihrer Struktur und Wirkung Cannabis ähneln, aber vom Körper selbst produziert werden ("endo"), heißen Endocannabinoide. Bekannte Endocannabinoide sind zum Beispiel Arachidonylethanolamid (auch Anandamid genannt) und 2-Arachidonylglycerol (2-AG).

Bislang wurden weit über 100 Cannabinoide identifiziert, wobei die Anzahl der in einer Pflanze enthaltenen Cannabinoide je nach Art variieren kann. Die bekanntesten Cannabinoide sind Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). Darüber hinaus gibt es auch synthetische Cannabinoide, die künstlich im Labor hergestellt wurden und die gleiche Struktur aufweisen können wie Phyto- und Endocannabinoide. Eines haben alle Cannabinoide gemeinsam: Sie binden an Cannabinoid-Rezeptoren, von denen es jedoch unterschiedliche Arten gibt.

Welche Cannabinoid-Rezeptoren gibt es?

Grundsätzlich lassen sich zwei Arten von Cannabinoid-Rezeptoren unterscheiden: CB1- und CB2-Rezeptoren.

CB1-Rezeptoren befinden sich vor allem in den Nervenzellen im Gehirn, insbesondere im Kleinhirn, den Basalganglien und dem Hippocampus. Aber sie sind auch im peripheren Nervensystem zu finden, dort vor allem im Darm. Auf CB1-Rezeptoren wirken THC, das Phytocannabinoid der Hanfpflanze, und das Endocannabinoid Anandamid. Zu den wichtigsten Funktionen dieser Rezeptorenart gehört die Linderung von Schmerzen und die Anregung des Appetits. Aber auch die Regulierung von Lern- und Gedächtnisleistungen, Angstgefühlen und Depression können mit der Aktivität dieser Rezeptoren zu tun haben.

CB2-Rezeptoren sind dagegen vor allem auf bestimmten Zellen des Immunsystems und der Knochen, aber auch im Magen-Darm-Trakt zu finden. Ihre wichtigste Aufgabe besteht darin, Entzündungsprozesse zu inhibieren (hemmen). Darüber hinaus sind sie an der Regulierung von Immunleistungen und Entzündungen sowie am Knochenwachstum beteiligt. An CB2-Rezeptoren binden unter anderem das Phytocannabinoid CBD und das Endocannabinoid 2-Arachidonylglycerol (2-AG).

So funktioniert das Endocannabinoid-System

Das Endocannabinoid-System funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie alle Rezeptorsysteme im Körper: Die Rezeptoren sind eine Art Schloss oder Kontaktstelle, die nur mit dem passenden Schlüssel geöffnet bzw. aktiviert werden kann. Im Falle des Endocannabinoid-Systems sind die Endocannabinoide und Cannabinoide die passenden Schlüssel. Ihnen haben wir es zu verdanken, dass sich unser Körper im biochemischen Gleichgewicht hält (Homöostase) und Reize verarbeiten kann, damit Körper und Gehirn miteinander kommunizieren können. Normalerweise arbeitet das System ausschließlich mit Endocannabinoiden, die an beide Rezeptortypen binden können. Welche Wirkung dies hat, hängt davon ab, wo sich der jeweilige Rezeptor befindet und welches Endocannabinoid an ihn andockt.

Doch auch Phytocannabinoide "passen" zu den Rezeptoren und können diese aktivieren. Je nachdem, an welchen Rezeptoren die einzelnen Substanzen binden, kommt es zu unterschiedlichen Wirkungen im Körper. Dabei ist anzunehmen, dass auch die Ausprägung der Rezeptoren eine Rolle spielt.

Sobald die Endocannabinoide ihre Funktion erfüllt haben, werden sie mithilfe von bestimmten Enzymen abgebaut.

An welchen Körperfunktionen ist das Endocannabinoid-System beteiligt?


Das Endocannabinoid-System spielt eine wichtige Rolle für ganz unterschiedliche Körperfunktionen, wobei die Zusammenhänge hier längst noch nicht abschließend erforscht wurden. Man weiß jedoch, dass das Endocannabinoid-System unter anderem an grundlegenden Körperfunktionen wie dem Herz-Kreislauf-System, dem Schlaf oder Appetit beteiligt ist, und auch eine wichtige Rolle für die Immunfunktion, die Schmerzwahrnehmung und den Stoffwechsel spielt.

Darüber hinaus hat das System auch eine große Bedeutung für die Stimmung und Emotionen einer Person. So konnte gezeigt werden, dass die gezielte Blockierung von CB1-Rezeptoren nicht nur eine appetithemmende Wirkung hat, sondern auch starke Angstgefühle auslösen kann. Weitere Körperfunktionen, die in Zusammenhang mit dem Endocannabinoid-System stehen, sind motorische Funktionen sowie Lern- und Gedächtnisprozesse. Außerdem hat das System einen Einfluss auf die Aktivierung verschiedener anderer Neurotransmitter wie Dopamin, GABA oder Glutamat.

All diesen Körperfunktionen gemeinsam ist, dass sie zur Homöostase, also dem inneren Gleichgewicht des Körpers beitragen. Einige Wissenschaftler vermuten, dass die Aufrechterhaltung dieses Gleichgewichts sogar die Hauptaufgabe des Endocannabinoid-Systems ist. Möglicherweise kann ein niedriger Endocannabinoidspiegel im Körper das Risiko für bestimmte Erkrankungen wie Migräne, Fibromyalgie und das Reizdarmsyndrom erhöhen. Diese Krankheiten haben keine eindeutig identifizierte Ursache, sind oft schwierig zu behandeln und treten in manchen Fällen auch zusammen auf. Ein Zusammenhang mit Endocannabinoiden ist bislang jedoch nur eine Theorie, hier besteht noch großer Forschungsbedarf.

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